Dienstag, 1. September 2009

Green Brief #63 vom 30. August 2009 - 8. Shahrivar 1388, deutsche Übersetzung

Ich bin NiteOwl alias Josh Shahryar - twitter.com/iran_translator bei Twitter. Ich bin Journalist und Menschenrechtsaktivist und KEIN Iraner. Dies ist eine Sammlung von Nachrichten aus dem Iran, die ich aus Twitter und dort angegebenen Webseiten zusammengestellt habe. Beachten Sie bitte, dass alles hier von Tweets stammt. (Meine Arbeit erscheint unter den Bedingungen von Creative Commons (CC).).
Hier sind die wichtigen Ereignisse vom Sonntag, 30. August 2009 (Shahrivar 8), die ich bestätigen kann:

Proteste/Unruhen
1. Mehr als 120 Familienmitglieder von Inhaftierten versammelten sich vor dem Justizgebäude, um gegen die Verhaftungen zu protestieren.

2. Dutzende Menschen versammelten sich an der Amir Al-Momineen-Moschee in Teheran, riefen Parolen gegen die Regierung und brachten ihre Unterstützung für Mir Hossein Mousavi zum Ausdruck.

3. Man hört, dass für den 8. September landesweite Proteste geplant sind.

4. Teilweise bestätigte Berichte deuten darauf hin, dass heute im Gowhardasht-Gefängnis in der Stadt Karaj Wachleute und Mitglieder des Geheimdiensministeriums politische Gefangene in bestimmten Abschnitten des Gefängnisses angegriffen und heftig geschlagen haben. Später wurden Gefangene ins Freie geschleppt und mehr als 5 Stunden in der Sonne liegen gelassen. Der Bericht sagt weiterhin, dass einige Gefangene verletzt waren und stundenlang keine ärztliche Behandlung erhielten.
 
Opposition
5. Teilweise bestätigten Berichten zufolge hat Mir Hossein Mousavi an der Trauerzeremonie für Saeeda Pour-Aghaie in Teheran teilgenommen. Saeeda war unter den Protestteilnehmern, die in der Haft ermordet und dann in einem der anonymen Gräber auf dem Friedhof Behesht-e Zahra begraben wurden.

6. Mehdi Karroubi hat während eines Treffens mit dem Zentralkomitee seiner Partei Etemaad-e Melli nochmals betont, dass er nicht nachgeben werde. Er sagte, auch wenn die Reformer durch die Regierung erheblich eingeschränkt würden, sei es dennoch an der Zeit, standhaft zu bleiben, denn diese Einschränkungen würden nicht lang anhalten.
Er fügte nochmals hinzu, dass er niemals Behauptungen über Vergewaltigungen an Häftlingen aufgestellt habe, ohne Beweise dafür zu besitzen. Er bat das Komitee, wegen des Verbots der Zeitung Etemaad-e Melli nicht aufgebracht zu sein und den gegenwärtigen Kurs fortzusetzen.
Die Regierung warnte er, dass sie am Tag von Quds (18. September) die Haltung des Volkes sehen würde und die Menschen der Regierung zeigen würden, wen sie wirklich unterstützen. Er sagte, der Druck, der auf die Reformer, Studenten und Lehrkörper ausgeübt werde, sei ein Zeichen für die Schwäche der Regierung.

7. Karroubi hat sich heute außerdem mit zehn ehemaligen Häftlingen getroffen, die in Kahrizak festgehalten worden waren. Deren Familien waren ebenfalls anwesend.
Die ehemaligen Gefangenen sprachen über die Bedingungen ihrer Haft und die Misshandlungen in Kahrizak und unterstützten Karroubis Haltung. Weitere Einzelheiten des Treffens sind zur Zeit noch nicht bekannt.

8. Rafsanjani hat bestritten, dass seine Kinder sich in politische Angelegenheiten des Landes einbrächten und sagte, sie seien lediglich freimütig und könnten Heuchelei nicht ertragen. Diese Aussage folgte auf Vermutungen, dass einer seiner Söhne finanzielle Mittel der Regierung zur heimlichen Finanzierung von Rafsanjanis Wahlkampagne im Jahr 2005 verwendet hätte. Seine Tochter hatte zudem an Protesten teilgenommen und war für kurze Zeit verhaftet worden.

9. Die Assoziation Streitbarer Geistlicher ("Combatant Clerics Association") hat unter Leitung des früheren Präsidenten Mohammad Khatami ein Treffen abgehalten. Sie verurteilten illegale Handlungen, insbesondere die unmenschliche Behandlung von Häftlingen durch die Regierung. Außerdem forderten sie den neuernannten Justizchef Sadegh Larijani auf, umgehend zu handeln und derartige Vorkommnisse zu unterbinden.

10. In einem offenen Brief an die Mitglieder des iranischen Parlaments hat die Generalsekretärin der Frauenvereinigung der Islamischen Revolution, Azam Taloghani, diese aufgefordert, Mousavi und Karroubi zu unterstützen. Sie warnte die Parlamentarier, dass sie das Vertrauen der Menschen vollständig verlieren würden, sollten sie die Verantwortlichen für die Verbrechen gegen die iranische Jugend - darunter Folterungen, Vergewaltigungen und Morde - nicht verfolgen.
 
Regierung/Internationales
11. Ahmadinejad hat sein Kabinett formal dem iranischen Parlament vorgestellt. Er sagte, alle Kandidaten seien sorgfältig ausgesucht worden und erfüllten die Auswahlkriterien. Weiterhin sagte er, Iran würde der globalen Arroganz die Stirn bieten. Es gibt Anzeichen dafür, dass mindestens fünf der von Ahmadinejad vorgeschlagenen Kabinettsmitglieder das Vertrauensvotum des Parlaments wahrscheinlich nicht erreichen werden.

12. Sadegh Larijani, Chef der Justiz, hat den früheren Bezirksgeneralstaatsanwalt von Teheran, Saeed Mortazawi, zum stellvertretenden Landesgeneralstaatsanwalt Irans ernannt. Gholamhossein Esmaeli wurde zum Direktor der Staatsgefängnisse und der staatlichen Gefängnisbehörde ernannt. Am Samstag berief er Abbas Jafari-Dolatabadi, den früheren Justizchef der Provinz Khusestan, als Nachfolger Mortazavis zum Bezirksgeneralstaatsanwalt von Teheran.

13. Khamenei lobte heute das iranische Establishment, dass sich gegen die auf die Wahlen folgenden Gewalt verteidigt habe. Er sagte, das Land habe die Probleme, die nach der Wahl entstanden, erfolgreich abgewehrt. Man werde sich ebenso um diejenigen kümmern, die sich an illegalen Aktionen während der Nachwahl-Unruhen beteiligt und Verbrechen gegen die Bevölkerung begangen haben, wie auch um die Gesetzesbrecher der Ereignisse nach der Wahl, so Khamenei.

14. Sadegh Larijani hat die dreiköpfige Kommission zur Untersuchung der Gewalt nach den Wahlen zusätzlich mit der Untersuchung von Mehdi Karroubis Brief beauftragt. Ein Mitglied dieser Kommission ist Generalstaatsanwalt Mohsen Ejaie, der auch hinter der brutalen Unterdrückung der friedlichen Proteste vermutet wird.

15. Der Chef der Teheraner Polizei, Azizollah Rajabzadeh, sagte heute, dass keine Häftlinge in Kahrizak getötet worden seien. Er erklärte, dass Häftlinge in Kahrizak nicht länger als 3 Tage festgehalten worden seien. Weiter sagte er, er habe persönlich mit dem verantwortlichen Beamten für Kahrizak gesprochen und ihm Handlungsanweisungen gegeben. Er fügte hinzu, dass alle Verhaftungen auf Grund juristischer Anordnungen geschehen seien, niemand sei illegal in Haft genommen worden.

16. Die Rafsanjani nahe stehende Partei Kargozaran hat heute ihre Unterstützung für Mehdi Karroubi erklärt.

17. Khamenei ist mit der Familie des während der Unruhen in Mashhad getöteten Mostafa Ghanian zusammen getroffen.

18. Parlamentsmitglied Farhad Tajari, Mitglied der parlamentarischen Kommission zur Beurteilung der Haftbedingungen, sagte heute, die Namen der wegen Misshandlung Beschuldigten würden gesetzesgemäß nicht veröffentlicht werden. Wie er sagte, verbietet das Gesetz die Veröffentlichung der Namen von Personen, deren Schuld noch nicht bewiesen ist.

19. Teilweise bestätigte Berichte deuten darauf hin, dass die Provinzregierung Teheran der Leitung der Universität Teheran gedroht hat, das kommende Semester ausfallen zu lassen, sollten die Studenten weiterhin auf dem Gelände der Universität Demonstrationen abhalten.
Währenddessen wurde angeordnet, das Wohnheim der Amir Kabir-Universität für eine Woche zu räumen; den Behörden zufolge muss es vor Beginn des neuen Semesters gereinigt werden.
 
Verhaftet/Freigelassen/Getötet/Gefoltert
20. Morteza Alviri, der Beauftragte Mehdi Karroubis für das Wahlüberwachungskomitee, sagte heute, dass mindestens sieben Menschen in den gewalttätigen Ereignissen nach der Wahl verschwunden sind, der Tod von 69 Menschen - darunter Taraneh Mousavi - sei bestätigt. Er fügte hinzu, es handle sich dabei lediglich um die Fälle, die zweifelsfrei identifiziert und bestätigt werden konnten.
Er sagte, die Namen seien an das parlamentarische Komitee zur Beurteilung der Haftbedingungen gegeben worden; die Namen der Vermissten stünden weder auf der Liste der Todesfälle, noch auf der Liste der Inhaftierten.
Alviri sagte: "Taraneh Mousavi ist ein solcher Todesfall, und die Nachricht von Kanal 2 (ein staatlicher Fernsehsender) in seiner Sendung um 20:30, dass sie lebt, ist falsch."
Währenddessen hat gestern der Befehlshaber der Revolutionsgarden, Mohammad Ali Jafari, erklärt, dass während der Gewaltausbrüche nach der Wahl lediglich 29 Menschen ums Leben gekommen seien. Die offizielle Regierungsstatistik nennt 30 Tote.

21. Saeeda Pour-Aghaie, ein junges Mädchen, wurde in der Haft vergewaltigt und getötet. Bestätigten Berichten zufolge wurde Saeeda in ihrer Wohnung von Basijis verhaftet, weil sie von ihrem Dach aus "Allaho Akbar" gerufen hatte. Sie wurde ins Gefängnis gebracht, vergewaltigt und dann getötet. Ihr Körper wurde von den Knien an aufwärts mit einer starken Säure verätzt, um Beweise ihrer furchtbaren Tortur zu verdecken.
Zwanzig Tage nach ihrer Verhaftung wurde ihre Mutter zum Leichenschauhaus gebracht, und sie wurde identifiziert. Ihrer Mutter wurde nicht erlaubt, die Leiche zur Bestattung mitzunehmen. Saeeda wurde später ohne das Wissen ihrer Familie im Abschnitt 302 des Friedhofs Behesht-e Zahra begraben.
Ihre Familie wurde unter großen Druck gesetzt und musste sagen, dass Komplikationen bei einer Niereninfektion Saeedas Tod herbeigeführt hätten.
Ein Foto von Saeeda und ein vollständiger Bericht (auf Persisch): http://www.mowjcamp.com/article/id/24124

22. Mindestens zwei verlässliche Quellen behaupten, sie hätten Berichte erhalten, dass in anonymen Gräbern im Abschnitt 302 des Friedhofs Behesht-e Zahra Frauen beerdigt worden seien, die nach ihrer Verhaftung wegen Teilnahme an Protesten vergewaltigt und getötet wurden. Diese Meldung konnte von anderen Quellen noch nicht bestätigt werden.

23. Eine verlässliche Quelle hat über ein weiteres Massengrab in Behesht-e Zahra berichtet, konnte aber keine "konkreten" Beweise liefern. Sobald mehr Beweise vorhanden sind, werden sie hier veröffentlicht.

24. Mansoor Asanlo - ein inhaftierter Arbeiterführer - und seine Zellengenossen sind heute schwer geschlagen worden, ihnen wurde vorgeworfen, Drogen in ihrer Zelle aufzubewahren.

25. Es wurde bestätigt, dass Mehdi Hosseinzadeh seit drei Wochen in Haft ist. Hosseinzadeh ist Journalist und Analyst und hatte zuvor für Etemaad gearbeitet. Er ist ein Wirtschaftsexperte.

26. Aktuelle Berichte und Zeugenaussagen bestätigen nunmehr, dass das Gefängnis Kahrizak noch immer in Betrieb sein könnte. Ein Zeuge, der in Kahrizak inhaftiert war, sagte einer iranischen Menschenrechtsagentur gestern, er habe nach seiner Entlassung erfahren, dass die Schließung von Kahrizak eine Woche zuvor offiziell angeordnet worden sei.
Der Zeuge lieferte der Agentur zudem einen umfassenden Bericht mit folgenden Angaben:
- Er war mit 75 anderen Personen zusammen unter entsetzlichen Bedingungen in einem Schiffscontainer in Kahrizak eingesperrt
- Sie waren unterernährt, bekamen nur selten zu trinken und durften nur selten zur Toilette
- Sie wurden oft bis an die Grenze zur Ohnmacht geschlagen
- Der Zeuge wurde so schwer geschlagen, dass eines seiner Ohrläppchen abriss.
- Verletzte Häftlinge wurden einfach zurück in den Container geworfen und erhielten keinerlei medizinische Hilfe.
- Die Häftlinge durften nur zwei Mal pro Monat duschen.

27. Der Richter, dem vorgeworfen worden war, in die Ereignisse in Kahrizak verwickelt zu sein, ist wieder auf seinen Posten zurückgekehrt, obwohl die Regierung zuvor bekannt gegeben hatte, dass er suspendiert worden sei.

28. Kivan Samimi wurde in der Haft so schwer gefoltert, dass er ins Krankenhaus gebracht wurde. Er wurde für einige Tage eingeliefert, um sich von seinen durch die Schläge erlittenen Verletzungen zu erholen. Ihm und anderen Häftlingen wurde wiederholt gesagt, dass Mousavi und Rafsanjani verhaftet worden seien. Damit sollte ihrer Moral gebrochen werden, damit sie falsche Geständnisse ablegen.

29. Ein kürzlich aus Evin entlassener Gefangener hat Schockierendes über die Prozesse berichtet. Wie er sagte, wird allen Häftlingen, die vor Gericht gebracht werden, vor ihrem Prozess erzählt, dass niemand im Gerichtssaal Sympathien für sie habe. Ihnen wird gesagt, dass zwar Medien anwesend seien, diese jedoch auf der Seite der Regierung stünden. Wenn sie etwas anderes als das von der Gefängnisleitung Vorgeschriebene sagen würden, so würde dies nicht nur niemals aus dem Gerichtssaal nach außen dringen, sondern man würde sie danach im Gefängnis auch schwer bestrafen.

30. Die Journalistin Fariba Pajooh ist ebenfalls wiederholt bedroht worden. Wenn sie nicht gestehen würde, unmoralisch zu sein, würde sie gehenkt werden. Einige mit ihr befreundete Reporter sagen, dass Behörden ihre IDs auf Twitter und anderen Seiten benutzt hätten, um Informationen über ihre Freunde zu erhalten.
 
Medien
31. Laut Angaben des Direktors Zarghami hat IRIB in der Zeit nach der Wahl über 60% ihrer Zuschauer verloren.
 
Verschiedenes
32. Das Filmfestival von Montreal - begrünt? http://bit.ly/WkDlz
33. Das "Begrünen" von Anschlagtafeln in Kerman geht weiter: http://bit.ly/TWP47
34. "Grünes" Drachenbootrennen in der Tschechischen Republik? http://bit.ly/iuKIA
 
Internationale Proteste/Veranstaltungen/Warnungen/Initiativen
35. Tausende Menschen haben sich heute im Zentrum Stockholms in Kungsträdgården zu einer Demonstration für Menschenrechte versammelt. Unter den Rednern waren Mona Sahlin, Parteichefin der Sozialdemokraten, und Jan Björklund, Parteichef der Liberalen und Bildungsminister. Amnesty International und die Schwedische Organisation für sexuelle Rechte RFSL waren Mitveranstalter. (Mit freundlicher Genehmigung von StockholmNews.com und Mats Öhlén)

Eine Petition, die Sie unterschreiben und an Botschafter sowie ihre Kontakte schicken können: http://docs.google.com/View?id=dcnj8jzc_8dxb9vbgf.
Bitte lesen Sie dies zu Ihrer Sicherheit: Safeguard Your Personal Info and Your Finances! - Why We Protest - IRAN (engl.)
Eine inoffizielle Liste geplanter Protestaktionen in den Vereinigten Staaten:
Protesting for Iran until they don't have to.
Liste geplanter Proteste in Deutschland:
Julia's Blog: Protests and rallies in Germany (subject to change w/o notice) (freundlicherweise zur Verfügung gestellt von @jkshalmani).
Hilfe für traumatisierte "Grüne": Healing the Green Soul (deutsche Übersetzung).

Wenn Sie, Ihre Freunde oder Ihre Organisation international eine Veranstaltung, Protestkundgebung oder sonstige Aktion im Zusammenhang mit den iranischen Wahlen abhalten, schicken Sie mir bitte eine Email und ich werde darüber berichten. (Kostet Sie auch nur 10 Millionen Dollar!) Meine Email ist: dbosca@gmail.com.
Wenn Sie helfen wollen:
Informationen über Veröffentlichung und Verbreitung des Green Brief: http://tinyurl.com/mjxrz3
Informationen über Tor: http://torir.org/
Diese Seite enthält eine Liste aller externen Spiegel des GB sowie verschiedene Informationen über den GB. Bitte auch Verweise auf Übersetzungen angeben: http://aic.openmsl.net/wiki/index.php/Green_Brief
Liste aller Green Briefs: The Green Briefs
Ein großes Dankeschön an S joon für die Hilfe beim Korrekturlesen und für viele wertvolle Hinweise. Vielen Dank auch an alle Übersetzer, die ihre wertvolle Zeit einsetzen, damit diese Informationen so viele Menschen wie möglich erreichen.

Deutsche Übersetzung: Julia Kouchaki

Orignial (Englisch):

http://iran.whyweprotest.net/green-brief/40402-green-brief-63-august-30-shahrivar-8-a.html

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